Vom Katalog zum Werkzeug: Der Shopify-Relaunch von Säntis Batterie
Ein Webshop für Säntis Batterie musste etwas können, was die wenigsten Webshops können: an einem Dienstagmorgen im Führerhaus eines Lieferwagens funktionieren, mit einer Hand bedient, während im Hintergrund das Konsignationslager einer Werkstatt abgeglichen wird. Entstanden ist der Onlineshop des grössten Batteriesortiments der Schweiz – auf Shopify, angebunden an Abacus, und gebaut für Menschen, die unterwegs sind.
Ein Sortiment, das kein Standardshop abbildet
Säntis Batterie in Rüthi SG handelt seit über hundert Jahren mit Energie – und mit allem, was in einer Werkstatt sonst noch gebraucht wird. Starterbatterien für PKW, Nutzfahrzeuge und Oldtimer. Traktionsbatterien für Stapler. E-Bike-Akkus. Dazu Schmierstoffe für Industrie, Baugewerbe, Luftfahrt und Bergbahnen, Lösungsmittel, Werkstattbedarf, Auswuchtgewichte.
Das sind nicht ein paar hundert Artikel in zwanzig Kategorien. Das ist ein Katalog mit rund hundert Kategorien über mehrere Ebenen, in dem dieselbe Produktgruppe je nach Einsatzgebiet mehrfach vorkommt – Hydrauliköle im Industriebereich sind andere als im Baugewerbe, und der Kunde weiss genau, welche er braucht.
Die erste Entscheidung im Projekt war deshalb keine technische, sondern eine inhaltliche: Bildet der Shop die gewachsene Sortimentslogik ab, oder zwingt er sie in eine aufgeräumte Struktur? Wir haben uns für die gewachsene Logik entschieden. Sie wirkt auf den ersten Blick unübersichtlich, entspricht aber exakt der Art, wie Werkstattleiter und Einkäufer suchen.
Inhaltsmigration: der unsichtbare Teil der Arbeit
Die Migration von Inhalten ist der Teil eines Shopprojekts, über den niemand spricht und an dem die meisten scheitern. Produktdaten aus einem gewachsenen System sind nie sauber. Artikelbezeichnungen tragen Kürzel aus dem Lager. Technische Attribute stehen im Beschreibungstext statt in Feldern. Bilder liegen in unterschiedlichen Formaten und Benennungen vor, manche doppelt, manche gar nicht.
Unser Vorgehen in drei Schritten:
- Analyse der Quelldaten. Welche Felder existieren, welche sind gepflegt, welche nur theoretisch vorhanden? Erst dieser Abgleich zeigt, was überhaupt migrierbar ist und wo nachgearbeitet werden muss.
- Mapping statt Kopieren. Jedes Quellfeld bekommt ein Ziel in der Shopify-Struktur – als Produktfeld, als Metafeld oder als Variantenattribut. Was sich nicht abbilden lässt, wird bewusst verworfen, nicht stillschweigend mitgeschleppt.
- Automatisierter Import mit Prüfläufen. Der Import läuft wiederholbar, nicht einmalig. So lässt sich korrigieren, nachladen und erneut durchlaufen, ohne von vorne zu beginnen.
Besonderes Augenmerk galt den Suchbegriffen. Ein Werkstattkunde sucht nach einer Typenbezeichnung, nicht nach einem Marketingbegriff. Produkttitel wie «ROWE Hightec Öl-Leck Stopp 0.25 Liter» sehen sperrig aus und sind trotzdem richtig – weil genau so gesucht wird.
Abacus als Taktgeber: die Middleware
Der Shop ist nicht die führende Datenquelle. Das bleibt Abacus – dort liegen Artikelstamm, Kundenkonditionen, Lagerbestände und die Fakturierung. Shopify ist die Oberfläche, nicht die Wahrheit.
Damit beides zusammenspielt, haben wir eine Middleware entwickelt, die zwischen Abacus und Shopify vermittelt. Sie übernimmt vier Aufgaben:
- Artikel- und Preisabgleich – inklusive kundenspezifischer Konditionen, die im B2B-Handel die Regel und nicht die Ausnahme sind. Der angemeldete Werkstattkunde sieht seinen Preis, nicht den Listenpreis.
- Bestandsabgleich – damit im Shop nicht verkauft wird, was im Lager nicht liegt.
- Bestellübergabe – jede Bestellung landet als Auftrag in Abacus, ohne Zwischenschritt und ohne manuelle Erfassung.
- Kundenstammabgleich – damit Shopkonto und ERP-Kunde dieselbe Person meinen.
Der technisch interessante Teil liegt in der Fehlerbehandlung. Eine Schnittstelle, die bei jedem Verbindungsabbruch aufgibt, erzeugt mehr Arbeit als sie spart. Unsere Middleware arbeitet mit Warteschlangen und Wiederholungslogik: Was nicht durchgeht, geht später durch, und was dauerhaft scheitert, wird protokolliert statt verschluckt.
Konsignationslager: wenn Ware beim Kunden steht
Hier wird es eigen. Säntis Batterie beliefert die Ostschweiz, Graubünden und Liechtenstein nicht per Paketdienst, sondern mit eigenen Verkaufsfahrern, die feste Gebiete betreuen. Deren Fahrzeuge sind rollende Lager, und bei vielen Werkstattkunden steht zusätzlich ein Konsignationslager: Ware, die vor Ort liegt, aber erst bei Entnahme verrechnet wird.
Für einen gewöhnlichen Webshop ist das ein Widerspruch. Der Bestand liegt nicht im Zentrallager, der Verkauf passiert nicht im Shop, und die Rechnung entsteht zeitversetzt. Wir haben die Middleware deshalb um eine Konsignationslogik erweitert, die drei Fragen beantworten kann: Was liegt bei welchem Kunden? Was wurde entnommen? Was muss beim nächsten Besuch nachgefüllt werden?
Der Fahrer erfasst die Entnahme direkt vor Ort. Die Buchung läuft über dieselbe Schnittstelle wie eine Shopbestellung und landet in Abacus als regulärer Vorgang. Für den Kunden heisst das: Der Bestand stimmt, ohne dass jemand im Büro Listen abgleicht. Für den Innendienst heisst es, dass die Nachbestückung planbar wird statt improvisiert.
Responsive heisst hier: einhändig, bei Tageslicht, mit Handschuhen
«Responsive Design» bedeutet in den meisten Projekten, dass die Seite auf dem Handy nicht zerbricht. In diesem Projekt bedeutete es etwas anderes.
Die Hauptnutzer der mobilen Ansicht sind die Verkaufsfahrer. Sie bedienen das Tablet im Stehen, zwischen Rampe und Fahrzeug, oft mit einer Hand und manchmal mit Arbeitshandschuhen. Das Display spiegelt, die Verbindung im Rheintal ist nicht überall gleich gut, und die Zeit pro Kunde ist knapp.
Daraus ergaben sich konkrete Entscheidungen:
- Grosse Trefferflächen statt dichter Listen. Ein Fehlgriff kostet mehr Zeit, als die kompaktere Darstellung einspart.
- Hoher Kontrast und kräftige Schriftgrössen, damit die Ansicht auch bei direkter Sonne lesbar bleibt.
- Wenige Schritte pro Vorgang. Artikel suchen, Menge erfassen, buchen – ohne Umweg über Zwischenseiten.
- Robustheit bei schlechter Verbindung. Eine Eingabe darf nicht verloren gehen, nur weil der Empfang kurz wegbricht.
Der Nebeneffekt: Was für den Fahrer im Feld funktioniert, funktioniert auch für den Werkstattleiter, der abends am Handy nachbestellt. Gute mobile Bedienung entsteht selten durch Verkleinern einer Desktopansicht, sondern durch die Frage, wer das Gerät in welcher Situation in der Hand hält.
Was bleibt
Der Shop unter saentisbatterie.ch ist kein Katalog, sondern ein Werkzeug. Er zeigt Preise, die für den jeweiligen Kunden gelten, Bestände, die stimmen, und er funktioniert dort, wo das Geschäft tatsächlich stattfindet – im Betrieb, auf der Rampe, im Fahrzeug.
Drei Dinge nehmen wir aus dem Projekt mit:
Ein Shopsystem ist selten das Problem. Shopify kann sehr viel, sobald die Daten stimmen und die Anbindung sitzt. Die Arbeit liegt in der Migration und in der Schnittstelle, nicht im Theme.
B2B heisst Prozess, nicht Design. Kundenpreise, Konsignation, Verkaufsfahrer – das sind keine Zusatzfunktionen, sondern das eigentliche Geschäftsmodell. Ein Shop, der sie nicht abbildet, bleibt Dekoration.
Und: Die interessanteste Zielgruppe sitzt manchmal nicht am Schreibtisch. Wer für die Menschen baut, die ein Produkt wirklich täglich bedienen, baut am Ende für alle besser.
Sie planen eine Migration oder haben ein ERP, das mit Ihrem Shop sprechen müsste? Schreiben Sie uns (office@kombinat.at) – wir schauen uns das gerne an.
